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Was wir verlieren, wenn Sprachen sterben

Identität

Jeder von uns wächst mit mindestens einer Muttersprache auf, die uns meist ein Leben lang begleitet. In ihr fühlen wir uns am wohlsten, durch sie können wir unsere Gefühle und Bedürfnisse am besten zum Ausdruck bringen. Unsere Muttersprache lernen wir ganz automatisch während wir aufwachsen und wir teilen sie mit einer bestimmten Gruppe von Menschen, der wir uns besonders verbunden fühlen. Denn wir verstehen einander durch Laute und Zeichen, die für andere völlig unverständlich sind. Wir teilen eine gemeinsame Kultur und Tradition, die über Generationen hinweg durch unsere Sprache geprägt wurden.

Unsere Muttersprache gibt uns ein Gefühl von Zusammenhalt, mit ihr werden uns Werte vermittelt, mit ihr beschreiben wir unsere Umgebung und geben Wissen an unsere Kinder weiter. Sie ist Mittelpunkt unseres sozialen und geistigen Lebens und bestimmt maßgeblich unsere Identität.
»Na:-b. hi:li na:-b. wowa:ci na-mu.«
Sprichwort aus dem Arizona Tewa
»Meine Sprache ist mein(e) Leben(sgeschichte).«
Sprichwort aus dem Arizona Tewa
Auf dieser Webseite geht es um Sprachen*: um das, was sie uns bedeuten und uns bieten, um die Einzigartigkeit jeder einzelnen und um das, was wir verlieren würden, wenn sie nicht mehr da wären.

Für die meisten unserer Sprachen und vor allem für diejenigen, die uns bekannt sind, scheint das Aussterben keine Gefahr zu sein, aber erschreckend viele – zu viele – sind heute ernsthaft gefährdet und drohen zu sterben. Wenigen von uns ist dabei bewusst, wie groß der Verlust einer (kleinen) Sprache sein kann – für die Betroffenen, für die Menschheit, für unsere Zukunft auf der Erde und für die Wissenschaft.
* Was vielen nicht bewusst ist: Auch Gebärdensprachen sind eigenständige Sprachen mit eigenen Grammatiken. Die Illustrationen der Hände auf den Kapitel-Einstiegsseiten orientieren sich an der Gebärde für die jeweilige Überschrift (hier also Identität) der Deutschen Gebärdensprache (DSL).

Deine Mutter-sprache ist
eine von über

Aber die Sprachen sind sehr ungleich über die Welt verteilt.

Man kann die Sprachen der Welt in drei Größenord-nungen und vier Lebendig-keitsgrade unterteilen:

Große Sprache
> 1.000.000 Sprecher
mittelgroße Sprache
10.000 1.000.000 Sprecher
Kleine Sprache
< 10.0000 Sprecher
kleine Sprache
weniger als 10.000 Sprecher
Institutionell
Die Sprache wurde so weit entwickelt, dass sie auch von Institutionen außerhalb des Eigenheims und der Gemeinschaft verwendet und gepflegt wird.
mittelgroße Sprache
zwischen 10.000 und 1.000.000 Sprecher
Stabil
Die Sprache wird nicht durch offizielle Institutionen gefördert, aber zu Hause und in der Gemeinschaft ist sie immer noch die Norm, sodass alle Kinder die Sprache lernen und anwenden.
große Sprache
mehr als 1.000.000 Sprecher
Bedroht
Es ist nicht mehr die Norm, dass Kinder die Sprache lernen und anwenden.
Ausgestorben
Die Sprache ist völlig aus dem Sprachgebrauch verschwunden und niemand hat mehr das mit ihr verbundene Gefühl der ethnischen Identität.
Alle Sprachen, die beispielhaft auf dieser Webseite vorkommen, sind mit diesen Symbolen gekennzeichnet.
(Die Legende wird an den jeweiligen Stellen durch Hovern über das Symbol nochmal angezeigt.)
Standard-Deutsch
große Sprache, institutionell
Ifugao
mittelgroße Sprache, stabil
Lo-Toga
kleine Sprache, bedroht
Quelle: Ethnologue.com

Etwa die Hälfte der Weltbevölke-rung spricht nur
0,002 % aller Sprachen.

alle Sprachen
weltweit
alle Sprachen
weltweit
普通話
Mandarin Chinesisch
Español
Spanisch
English
Englisch
हिन्दी
Hindi
বাংলা
Bengalisch
Português
Portugiesisch
русский
Russisch
日本人
Japanisch
لاهندا
Lahnda
मराठी
Marathi
मराठी
Telugu
吴语
Wu
Chinesisch
Türkçe
Türkisch
한국어
Koreanisch
한국어
Koreanisch
Français
Französisch
Deutsch
Standard
Deutsch
0,002 %
0,002 %
918
Millionen Sprecher
480
Millionen Sprecher
379
Millionen Sprecher
221
‍‍Millionen Sprecher
128
‍‍Millionen Sprecher
341
‍‍‍Millionen Sprecher
83,1
‍‍‍Millionen Sprecher
81,4
‍‍‍‍Millionen Sprecher
228
‍‍‍‍‍Millionen Sprecher
154
‍‍‍‍‍‍Millionen Sprecher
77,3
‍‍‍‍‍‍‍‍Millionen Sprecher
92,7
‍‍‍‍‍‍‍Millionen Sprecher
82
‍‍‍‍‍‍Millionen Sprecher
79,4
‍‍‍‍‍‍‍Millionen Sprecher
77,2
‍‍‍‍‍‍‍Millionen Sprecher
76,1
‍‍‍‍‍‍‍Millionen Sprecher
3,5
Milliarden Sprecher
7,7
Milliarden Sprecher
Die Zahlen beziehen sich auf die Anzahl der Muttersprachler. (2019)
Quelle: Wikipedia.org/Ethnologue.com

Über 40 % aller Sprachen sind vom Aussterben bedroht.

Quelle: Ethnologue.com

Verlust

Sprachensterben ist ganz natürlich, keine Sprache besteht ewig. Es sind schon immer Sprachen ausgestorben und neue sind entstanden, denn jede einzelne Sprache ist ein sehr komplexes Gebilde, das von vielen unterschiedlichen Faktoren beeinflusst wird und sich ständig verändert. Werden beispielsweise neue Wörter gebraucht für Dinge, die man noch nicht kannte, so entstehen Wortschöpfungen oder man bedient sich einer anderen Sprache (Lehnwörter). Junge Sprecher finden Ausdrücke, um sich von ihren Eltern ein Stück weit abzugrenzen. Regionale Gruppen entwickeln eine Sprache unterschiedlich weiter, sodass Dialekte entstehen. Menschen bewegen sich aus ihrem Umfeld heraus, schließen sich einer anderen Gruppe an, wenden sich einer neuen Sprache zu. Einzelne Sprachen verschmelzen, aus einer anderen entstehen zwei.

Dass Sprachen aussterben, ist also kein neues Phänomen, jedoch sterben gegenwärtig überall auf der Welt sehr viel mehr Sprachen aus, als es natürlicherweise der Fall wäre. Überall dort, wo es Minderheitensprachen gibt, besteht die Gefahr, dass diese von den größeren Sprachen verdrängt werden. Am stärksten sind deshalb die Regionen mit einer besonders hohen Sprachendichte betroffen, wo es sehr viele kleine Sprachen gibt. Aber auch in Deutschland gibt es bedrohte Sprachen: Nordfriesisch, Ostfriesisches Plattdeutsch, Saterfriesisch, Niedersorbisch und Westjiddisch werden von immer weniger Menschen im Alltag gesprochen.
»Wenn man nur den Gang der Dinge abwartet, scheint es eine natürliche Folge
der Globalisierung zu sein, dass immer mehr Sprachen sterben.«
Dieter Wunderlich
Sprachensterben hat vielfältige Gründe. Stigmatisierung und Verfolgung von Minderheiten haben vor allem in der Vergangenheit zu massiver Unterdrückung und Verdrängung kleiner Sprachen geführt, sodass viele von ihnen heute nur noch von wenigen älteren Menschen beherrscht werden. Hinzu kommen die zunehmende Urbanisierung und das Wirtschaftswachstum, die, verbunden mit der Globalisierung, unsere Welt immer mehr zusammenwachsen lassen und dazu führen, dass wenige große Sprachen immer größer werden. Diese Entwicklung wird maßgeblich durch die neuen Medien verstärkt: beispielsweise durch Fernsehsendungen, die mehrheitlich in den großen Nationalsprachen ausgestrahlt, jedoch auch in den kleinen Sprachgemeinschaften geschaut werden. Auch im Internet dominieren noch immer wenige große Sprachen.

Diese – und viele weitere – Umstände können dazu führen, dass kleinere Sprachen nicht mehr bestehen können. Sie sind vom Aussterben bedroht, sobald sie nicht mehr als Muttersprache an die Kinder weitergegeben werden und sterben im schlimmsten Fall mit dem Tod ihres letzten Sprechers aus.
Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit.
Für viele Sprecher scheint ihre Muttersprache nicht mehr relevant und so werden Sprachen aufgegeben, ohne ausreichend dokumentiert worden zu sein.

Eines von vielen Projekten, das dem spurlosen Verschwinden von Sprachen entgegenwirken möchte, ist Wikitongues. Ziel dieser Initiative ist es, möglichst alle Sprachen der Welt in Form von Videos aufzunehmen.

Diese vier Beispiele sind ein Bruchteil der über 2.900 bedrohten Sprachen. Der Reichtum an Sprachen bringt eine enorme Vielfalt mit sich und hinter jeder von ihnen stehen Menschen mit ihrem ganz persönlichen Schicksalen. Mit jeder verlorenen Sprache verlieren die Betroffenen in erster Linie ein Stück Identität und alle anderen ein Stück Vielfalt.

Hören wir zu, so lange es noch geht.
Begrüßung: Дорово (dorovo)
Regionen: Russland, Mongolei, China
Sprachfamilie: Tungusische Sprachen


Varvara schreibt Gedichte in der jakutischen und der evenkischen Sprache. In diesem Video erzählt sie Geschichten aus ihrer Kindheit: das Aufwachsen in der Rentierzucht, das erste Mal, dass sie einen russischen Mann aus dem Westen sah, und wie sie einen Spiegel geschenkt bekam.
Evenki
Große Sprache
> 1.000.000 Sprecher
mittelgroße Sprache
10.000 1.000.000 Sprecher
Kleine Sprache
< 10.0000 Sprecher
kleine Sprache
weniger als 10.000 Sprecher
Institutionell
mittelgroße Sprache
zwischen 10.000 und 1.000.000 Sprecher
Stabil
große Sprache
mehr als 1.000.000 Sprecher
Bedroht
Ausgestorben
Finnisch-Schwedische Gebärdensprache
Begrüßung:
Region: Finnland
Sprachfamilie: Gebärdensprachen


Håkan war Schüler an der Gehörlosenschule in Porvoo, Finnland, welche ursprünglich die Schwedische Gebärdensprache als Unterrichtsmedium benutzte. Doch es bildete sich eine neue Sprache heraus, die Finnisch-Schwedische Gebärdensprache, welche sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu einer eigenständigen Sprache entwickelte. Die Schule wurde 1993 geschlossen, was zu einem Rückgang des Gebrauchs der FinSSL führte. Es gibt eine Gemeinschaft von Aktivisten, die daran arbeiten, sie innerhalb Finnlands stärker ins Bewusstsein zu rücken.
Große Sprache
> 1.000.000 Sprecher
mittelgroße Sprache
10.000 1.000.000 Sprecher
Kleine Sprache
< 10.0000 Sprecher
kleine Sprache
weniger als 10.000 Sprecher
Institutionell
mittelgroße Sprache
zwischen 10.000 und 1.000.000 Sprecher
Stabil
große Sprache
mehr als 1.000.000 Sprecher
Bedroht
Ausgestorben
Booráá
Begrüßung: Watsɨ
Regionen: Amazonas-Regionen Perus und Kolumbiens
Sprachfamilie: Bora-Witoto-Sprachen


Dieses Video wurde in Cusco, Peru, aufgenommen, wo Sonia anlässlich des vom Centro de Textiles Tradicionales de Cusco organisierten Textilfestivals Tinkuy zu Besuch war. Obwohl ihre Sprache traditionell ungeschrieben war, haben die Bora-Sprecher in den letzten Jahrzehnten mit Hilfe ausländischer Übersetzer ein Schriftsystem entwickelt. Die Bora-Witoto-Sprachen sind unter ihren regionalen Nachbarn einzigartig, weil sie tonal sind, das heißt, Veränderungen in der Tonhöhe verändern die lexikalische oder grammatische Bedeutung.
Große Sprache
> 1.000.000 Sprecher
mittelgroße Sprache
10.000 1.000.000 Sprecher
Kleine Sprache
< 10.0000 Sprecher
kleine Sprache
weniger als 10.000 Sprecher
Institutionell
mittelgroße Sprache
zwischen 10.000 und 1.000.000 Sprecher
Stabil
große Sprache
mehr als 1.000.000 Sprecher
Bedroht
Ausgestorben
Lo-Toga
Begrüßung: Metave gëwie
Regionen: Torres-Inseln Vanuatus
Sprachfamilie: Austronesische Sprachen


Kami ist in Port Vila aufgewachsen, stammt aber ursprünglich von den Inseln Mota und Lo. Heute ist er in Sola, Vanua Lava Island zu Hause. Lo und Toga sind die beiden Hauptinseln in dieser Region, nach denen die Sprache benannt ist, obwohl Lo-Toga auch auf den Inseln Linua und Tegua gesprochen wird. Die Bewohner der Torres-Inseln betreiben Subsistenzlandwirtschaft und Fischerei und haben viele ihrer angestammten Rituale und ihr Wissen bewahrt.
Große Sprache
> 1.000.000 Sprecher
mittelgroße Sprache
10.000 1.000.000 Sprecher
Kleine Sprache
< 10.0000 Sprecher
kleine Sprache
weniger als 10.000 Sprecher
Institutionell
mittelgroße Sprache
zwischen 10.000 und 1.000.000 Sprecher
Stabil
große Sprache
mehr als 1.000.000 Sprecher
Bedroht
Ausgestorben

Vielfalt

Natürlich bringt es auch viele Vorteile mit sich, wenn immer mehr Menschen wenige große Sprachen beherrschen, denn dadurch fallen Sprachbarrieren und wir können uns weltweit immer besser verständigen.

Die Weltbevölkerung wächst, aber die Welt scheint kleiner zu werden – wir rücken alle näher zusammen. Weniger Sprachen bedeuten weniger Aufwand und schnellere Kommunikation. Für viele ist das Beherrschen einer großen Sprache der Schlüssel zu sozialem und wirtschaftlichem Aufstieg.

»We do not even know what exactly we stand to lose — for science, for humanity, for posterity —when we lose languages.«
K. David Harrison
»Wir wissen nicht einmal, was genau uns verloren zu gehen droht – für die Wissenschaft, für die Menschheit, für die Nachwelt – wenn wir Sprachen verlieren.«
K. David Harrison
Doch was ist mit den vielen kleinen Sprachen, die dafür aufgegeben werden? Wir lassen mit ihnen weit mehr zurück als ein ausgedientes Kommunikationsmittel.

Neben den unzähligen persönlichen Schicksalen, die mit dem Sterben von Sprachen einhergehen, verlieren wir auch aus kultureller und wissenschaftlicher Sicht große Mengen an Wissen, das uns mehr über die Erde und das Leben auf ihr verraten kann. Sprache und Wissen sind eng miteinander verknüpft und extrem abhängig vom Lebensumfeld der Sprecher, deshalb liefert jede einzelne Sprache ganz individuelle Erkenntnisse. Die drei wesentlichen Bereiche sind dabei das kulturelle Erbe der Menschheit, das Wissen über die Natur und die Erforschung des menschlichen Geistes.
Quelle (letzter Absatz): vgl. Harrison, K. David. 2010.
»All mythical traditions are attempts to make sense of the universe. Each one provides a small piece to the puzzle of how humans understand life, the universe, and the sacred.«
K. David Harrison
»Alle mythischen Traditionen sind Versuche, dem Universum einen Sinn zu verleihen. Jede von ihnen ist ein kleines Teil des großen Puzzles, dass uns verrät, wie Menschen das Leben, das Universum und das Heilige verstehen.«  
K. David Harrison

Kulturelles Erbe
der Menschheit

Sprache ist ein Kulturgut. Jede Sprache hat ihre eigene Weltansicht, Kunst, Traditionen und Mythen.
Über Generationen hinweg sind Geschichten, Poesie, Erzählungen, Lieder, Lebensweisheiten und vieles mehr entstanden. Jede Sprache besitzt einen großen Schatz an kreativen Schöpfungen, die Einblicke bieten in das Weltverständnis ihrer Sprecher, ihre Versuche, dem Leben und dem Universum einen Sinn zu verleihen. Der Großteil davon wurde jedoch in den kleinen, heute bedrohten Sprachen niemals niedergeschrieben.

Auch durch die Übersetzung in andere Sprachen bleiben die Erzählungen nicht vollkommen erhalten, weil bestimmte Wörter nur sinngemäß übertragen werden können. Außerdem sind die Sprache und ihre Erzählungen so eng mit ihrer Kultur verknüpft, dass sie in einer anderen Kultur und Sprache meist keinen Raum finden. So existiert diese verbale Kunst häufig nur noch in der Erinnerung weniger verbleibender und zunehmend vergessender Sprecher.
Tuwinisch
Begrüßung: Экии (ekii)
Regionen: Russland, Mongolei, China
Sprachfamilie: Turksprachen

Eduard Damdyn beherrscht den traditionellen tuwinischen Kehlgesang, der auch auf der Repräsentativen Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit der UNESCO steht. Die UNESCO möchte mit ihr überliefertes menschliches Wissen und Können würdigen und damit auch ein Bewusstsein für dessen lokale, regionale und internationale Bedeutung schaffen.
Große Sprache
> 1.000.000 Sprecher
mittelgroße Sprache
10.000 1.000.000 Sprecher
Kleine Sprache
< 10.0000 Sprecher
kleine Sprache
weniger als 10.000 Sprecher
Institutionell
mittelgroße Sprache
zwischen 10.000 und 1.000.000 Sprecher
Stabil
große Sprache
mehr als 1.000.000 Sprecher
Bedroht
Ausgestorben
Gullah
Begrüßung: Wha goin on?
Regionen: South Carolina, Georgia, nordöstliches Florida, südöstliches North Carolina (USA)
Sprachfamilie: auf Englisch basierende Kreolsprache

Carolyn "Jabulile" White kommt aus Charleston, South Carolina und lernte  traditionelles Storytelling von ihren Eltern und Großeltern. Sie erzählt Geschichten in ihrer Muttersprache Gullah und möchte erreichen, dass ihre Kinder und Enkel nicht vergessen, woher sie kommen und stolz auf ihre Kultur sind.
Große Sprache
> 1.000.000 Sprecher
mittelgroße Sprache
10.000 1.000.000 Sprecher
Kleine Sprache
< 10.0000 Sprecher
kleine Sprache
weniger als 10.000 Sprecher
Institutionell
mittelgroße Sprache
zwischen 10.000 und 1.000.000 Sprecher
Stabil
große Sprache
mehr als 1.000.000 Sprecher
Bedroht
Ausgestorben
»Nomina si pereunt, perit et cognitio rerum.«  
John Christian Fabricius
»Wenn die Namen verloren sind,
stirbt auch unser Wissen.«  
John Christian Fabricius

Wissen über
die Natur

Wir passen unsere Sprache unserer Umgebung an. Indigene Sprecher benennen beispielsweise Tiere, Pflanzen und Vorgänge in der Natur basierend auf jahrelangen Beobachtungen, die an die folgenden Generationen weitergegeben werden. Viele dieser Sprachen haben ganze Wissenssysteme entwickelt, die ihre Umgebung genauestens anhand von Aussehen, Eigenschaften, und Verhalten beschreiben. Dabei werden diese Informationen häufig in den Namen einer Art „verpackt“, sodass mit dem Namen gleichzeitig Informationen über sie weitergegeben werden. Beispielsweise nannten die Hawaiianer den Halterfisch – lange bevor dieser von europäischen Wissenschaftlern entdeckt wurde – kihikihi, was so viel bedeutet wie »halbmondförmig« und »im Zick-Zack segeln«.

So hat sich in vielen Kulturen über Generationen hinweg eine große Menge an Wissen über die Natur und das Zusammenspiel zwischen Mensch und Natur entwickelt. Oft ist dieses Wissen – abhängig vom Lebensraum – stark auf einen bestimmten Bereich spezialisiert, zum Beispiel Fische, Rentiere oder Reis. Dieses spezielle Wissen kann auch für die moderne Wissenschaft sehr nützlich sein, da die Menschen es sich durch jahrelanges Leben im Einklang mit ihrer natürlichen Umgebung und dem genauen Beobachten dieser angeeignet haben. Einige können mit ihrem Wissen zur Erforschung bisher unbekannter Arten beitragen oder wichtige Erkenntnisse zur nachhaltigen Bewirtschaftung unserer Erde liefern, die heute angesichts des Klimawandels und Artensterbens essentieller sind als je zuvor.

Doch dieses kultivierte Wissen kleiner Sprachgruppen wird immer seltener weitergegeben, weil mit der Sprache oft auch traditionelle Lebensweisen aufgegeben werden. Zudem ist es aufgrund des teilweise sehr komplex verpackten Wissens auch schwierig, dieses in andere Sprachen zu übersetzen.
Begrüßung: Maphod an biggat
Region: Provinz Ifugao (nördliche Philippinen)
Sprachfamilie: Austronesisch

Die Sprache der Ifugao verfügt über ein kompliziertes Vokabular der Reistechnologie.
Ifugao
tiwātiw
27
[Verb: »Tiere, Vögel oder Hühner vor dem Trocknen von Reis verscheuchen.«]
verschiedene Namen für Töpfergefäße zur Lagerung von Reiswein
30
130
Namen für Arten von geflochtenen Körben, die zum Transport von Nahrungsmitteln verwendet werden
Phrasen, die detailliert Zahlungen beschreiben, die für die Nutzung von Reisteichfeldern geleistet werden
Große Sprache
> 1.000.000 Sprecher
mittelgroße Sprache
10.000 1.000.000 Sprecher
Kleine Sprache
< 10.0000 Sprecher
kleine Sprache
weniger als 10.000 Sprecher
Institutionell
mittelgroße Sprache
zwischen 10.000 und 1.000.000 Sprecher
Stabil
große Sprache
mehr als 1.000.000 Sprecher
Bedroht
Ausgestorben
Die gesamte Existenz des Ifugao dreht sich um Reis und seinen Anbau. Das Volk der Ifugao lebt an steilen Bergen, und dennoch haben sie jeden verfügbaren Quadratmeter mit massiven, steingemauerten Teichfeldern bedeckt. Um diese zu bewässern, haben sie ein beispielloses Fachwissen in Hydrologie entwickelt. Die massiven Steinterrassen werden durch ein Netz von Tausenden von Kanälen, Wehren, Becken und Aquädukten versorgt.
Doch das traditionelle Wissen über den Reis – einschließlich Saatgutauswahl, Anbau, Bewässerung und vielem mehr – nimmt ab, denn die wissenschaftlich entwickelten, modernen Hochertragsreissorten mit entsprechenden Pflanz- und Düngungstechniken sowie Pestiziden setzen sich immer mehr durch.

Moderne Reissorten sind Gegenstand intensiver Forschung, einschließlich der Produktion neuer, gentechnisch veränderter Sorten. Paradoxerweise bezieht die internationale Saatgutindustrie einen Großteil ihrer Gentechnologie aus Pflanzen, die von Bauern seit tausenden von Jahren ausgewählt, gezüchtet und verbessert wurden. Die philippinischen Bauern stehen nun unter dem Druck, diese traditionellen Technologien und Reissorten aufzugeben. Das philippinische Reisinstitut befürwortet hybride Reissorten sowie Pestizide und Düngemittel zur Ertragssteigerung und setzt offen das traditionelle Wissen als nutzlosen Volksglauben herab, der eine effektive Landwirtschaft behindert.
Es ist ein ideologischer Kampf im Gange, in dem Bauern mit traditionellem Wissen und Technologien gegen das globale Kartell antreten, das Pestizide, Düngemittel und Reishybride herstellt. Der Hybridreisanbau wird bei den Bauern durch das Radio, Schulungsworkshops und sogar durch Broschüren und Karikaturen aggressiv beworben. Geschrieben in der Landessprache Tagalog, ignoriert diese Propaganda das lokale Spezialwissen über Reis, das in den 170 kleineren Sprachen, die auf den Philippinen gesprochen werden, zu finden ist.

Es ist ungewiss, ob traditionelle Reistechnologien die moderne Agrartechnologie und den kulturellen Wandel überleben werden. Dennoch beginnen einige Bauern, Proteste gegen den Hybridreis zu organisieren, denn dieser fördert die Abhängigkeit der Bauern von chemischen Produktionsmitteln, die schädlich für die menschliche Gesundheit und die Umwelt sind. Der traditionelle Reisanbau hingegen ist seit tausenden von Jahren optimiert worden und sehr nachhaltig für die Umwelt. Angesichts des voranschreitenden Artensterbens und Klimawandels wäre es von daher nur sinnvoll, dieses wertvolle Wissen und die damit eng verknüpften kleinen Sprachen zu bewahren und davon zu lernen.
»Language is a mirror of mind in a deep and significant sense. It is a product of human intelligence.«
Noam Chomsky
»Sprache ist ein Spiegel des Geistes, in einem tiefen und bedeutsamen Sinn. Sie ist ein Produkt menschlicher Intelligenz.«  
Noam Chomsky

Erforschung des menschlichen
Geistes



Jeder gesunde Mensch ist fähig Sprachen zu sprechen, jedoch spricht jeder anders und hat unterschiedliche Dinge zu sagen. Sprachen unterscheiden sich in ihrer Grammatik und Aussprache teilweise enorm, dennoch liegen ihnen allen Gemeinsamkeiten in der Art und Weise, wie das menschliche Gehirn Sprache und Informationen verarbeitet, zugrunde. Sprachen bringen die Grenzen und Möglichkeiten menschlicher Wahrnehmung zum Vorschein und geben uns wichtige Aufschlüsse darüber, wie der menschliche Geist funktioniert.

Ein primäres Ziel der Sprachwissenschaft ist es, universelle Charakteristika aller menschlichen Sprachen aufzudecken, um mehr über die Funktionsweise des menschlichen Denkens herausfinden. Dafür ist es jedoch notwendig, so viele Sprachen wie möglich zu erforschen, um die theoretischen Modelle der Sprachwissenschaftler zu überprüfen. Besonders aufschlussreich sind dabei außergewöhnliche Sprachen, die beispielsweise sehr seltene grammatikalische Strukturen aufweisen. Oftmals wurden durch ihre Erforschung bereits bestehende Annahmen infrage gestellt oder sogar widerlegt. Jedoch sind diese außergewöhnlichen Sprachen häufig klein, ernsthaft bedroht und nicht ausreichend dokumentiert. Somit können mit ihrem Sterben auch wichtige Hinweise auf die Funktionsweisen des menschlichen Gehirns verloren gehen.
Sprache sibirischer Rentierfarmer

Begrüßung:
Дорообо (doroobo)
Region: südöstliches Sibirien (Russland)
Sprachfamilie: Turksprachen


Tofalarisch
Das Suffix (Nachsilbe) »sig« kann an jedes beliebige Nomen angehängt werden. Die entstehenden Adjektive beschreiben Gerüche. Ein eigenes Suffix für Gerüche ist sehr ungewöhnlich. Es zeigt, dass Gerüche in der tofalarischen Kultur traditionell eine wichtige Rolle spielen.
ivi [Rentier] + sig

ivisig [»riecht wie ein Rentier«]
Große Sprache
> 1.000.000 Sprecher
mittelgroße Sprache
10.000 1.000.000 Sprecher
Kleine Sprache
< 10.0000 Sprecher
kleine Sprache
weniger als 10.000 Sprecher
Institutionell
mittelgroße Sprache
zwischen 10.000 und 1.000.000 Sprecher
Stabil
große Sprache
mehr als 1.000.000 Sprecher
Bedroht
Ausgestorben
Dorfgebärdensprache thailändischer Reisbauern

Region: Isan (nordwestliches Thailand)
Sprachfamilie: Gebärdensprachen
Ban-Khor-Gebärdensprache
Drei Variationen der »b«-Gebärde, die man weltweit in vielen Gebärdensprachen findet.
Auch in der Ban-Khor-Gebärdensprache gibt es diese Gebärde, jedoch wird die Hand dabei vertikal vor das Gesicht gehalten, wobei der Daumen vom Körper weggedreht ist. Die spezielle Positionierung dieser Gebärde sowie das teilweise Verdecken des Gesichts beim Gebärden im Allgemeinen sind sehr ungewöhnlich.
Große Sprache
> 1.000.000 Sprecher
mittelgroße Sprache
10.000 1.000.000 Sprecher
Kleine Sprache
< 10.0000 Sprecher
kleine Sprache
weniger als 10.000 Sprecher
Institutionell
mittelgroße Sprache
zwischen 10.000 und 1.000.000 Sprecher
Stabil
große Sprache
mehr als 1.000.000 Sprecher
Bedroht
Ausgestorben
Sprache nomadischer Yak-Farmer
Regionen: Russland, Mongolei, China
Tuwinisch  
Ungewöhnlich komplexes Kombinationssystem um Geräusche auszudrücken. Bestimmte Konsonantenpaare stehen für bestimmte Arten von Geräuschen. Zwischen ihnen können acht verschiedene Vokalkombinationen eingefügt werden, hohe Vokale stehen für hohe oder schnelle Geräusche, tiefe Vokale für tiefe oder langsame Geräusche.
kleine Sprache
weniger als 10.000 Sprecher
Institutionell
mittelgroße Sprache
zwischen 10.000 und 1.000.000 Sprecher
Stabil
große Sprache
mehr als 1.000.000 Sprecher
Bedroht
Ausgestorben

Leben

Heute werden Minderheitensprachen einerseits vielerorts wieder mehr wertgeschätzt und anerkannt, nachdem sie in der Vergangenheit stark unterdrückt wurden. Andererseits werden sie jedoch durch die Globalisierung und Urbanisierung immer mehr von den wenigen großen Sprachen verdrängt.

Der Schlüssel, um sie dennoch zu erhalten oder wieder zu beleben, liegt zunächst in der umfangreichen Dokumentation der Sprachen und danach in der Förderung der Mehrsprachigkeit. Außerdem ist es wichtig, dass die Menschen das Gefühl bekommen, dass ihr Wissen es wert ist, erhalten zu bleiben. Wenn sie hingegen das Gefühl vermittelt bekommen, dass dieses in der Welt nicht gebraucht wird, werden sie es aufgeben.

Sprachwissenschaftler sind auf der ganzen Welt unterwegs, um möglichst viele Sprachen, die bisher nicht dokumentiert sind, zu verschriftlichen, indem sie Wörter, Sätze und Gedankengut aufschreiben. Sie erstellen Wörterbücher und Lexika, machen Audio- und Videoaufnahmen. Für viele kleine Sprachen müssen dafür erst Schriftsysteme entwickelt werden, weil sie häufig nur als mündliche Sprachen existieren. Viele Sprecher bedrohter Sprachen freuen sich über die Aufmerksamkeit, die ihrer Sprache entgegengebracht wird, und wollen dazu beitragen, dass sie erhalten bleibt oder wenigstens dokumentiert wird für die Nachwelt.
Ngurrahyawoyhkarrudjerrn-guhmiyan, ba wurdurd bulahduluwoniyanbulahl-ngbengkiyan.
Maggie Tukumba
Ngurrahyawoyh-
karrudjerrnguhmi-yan, ba wurdurd bulahduluwoniyan-bulahlngbengkiyan.
Maggie Tukumba
Wir werden unsere Traditionen wieder erneuern, so dass
die Kinder unsere Worte verstehen können, und dann werden sie verstehen.
Maggie Tukumba
Der effektivste Weg, eine Sprache am Leben zu erhalten, ist, wenn die Sprecher die Sache selbst in die Hand nehmen. Sie können beispielsweise Programme ins Leben rufen, bei denen ältere Muttersprachler den Kindern ihre Sprache beibringen, bis diese irgendwann ihre eigenen Kinder wieder mit ihrer traditionellen Muttersprache aufziehen können.

Laut dem Sprachwissenschaftler David Crystal wird die Sprache einer Minderheit überleben, wenn ihre Sprecher von der Mehrheit geachtet werden und über einen gewissen Reichtum verfügen, wenn die Mehrheit es für legitim hält, dass die Minderheit eine gewisse Macht ausübt, wenn sie eine Rolle im Erziehungssystem wahrnimmt, wenn sie eine Schrift besitzt und wenn sie sich moderner elektronischer Technologie bedient.

Erfolgreiche Beispiele von Sprachen, die durch die Initiative von verbleibenden Muttersprachlern wieder gewachsen sind (z. B. Maorisch), oder sogar Sprachen-Wiederbelebungen (z. B. Hebräisch, Kornisch) zeigen, dass dies möglich ist und Kinder auch in den Schulen wieder zusätzlich zur Nationalsprache in diesen Sprachen unterrichtet werden können. Auch wenn die neuen Medien zunächst eher zum Aussterben der kleinen Sprachen beigetragen haben, bietet heute vor allem das Internet zahlreiche Möglichkeiten, die es erleichtern, eine Sprache zu erhalten. So ist die Vernetzung unter mittlerweile verstreut lebenden Sprechern einfacher und auch die Dokumentation der Sprachen funktioniert sehr viel effektiver.
Quelle: vgl. Wunderlich, Dieter. 2015.

Sprache ist mehr als ein Kommunikationsmittel.
Wenn wir unsere Muttersprache verlieren, verlieren
wir unsere Heimat und unsere Identität – und die Welt
verliert ein Stück Vielfalt und wertvolles Wissen.

Lasst uns zuhören, wertschätzen und voneinander lernen. Lernen wir die großen Sprachen, die uns verbinden,
aber lasst uns die kleinen dafür nicht aufgeben.